Stabiler Markt mit selektiven Risiken
Das Interesse institutioneller Investoren an Private Debt ist zuletzt stark gestiegen. Doch mit dem rasanten Wachstum der Assetklasse nehmen auch die kritischen Stimmen zu.
Autoren: Eugenio Sangermano, Prof. Dr. Michael Flad
■ Private Debt hat sich seit der globalen Finanzkrise und dem darauffolgenden Rückzug vieler Banken aus Teilen der Unternehmens- und Projektfinanzierung zu einer festen Größe in institutionellen Portfolios entwickelt. Als renditestarke Anlagealternative im Umfeld verschärfter Bankenregulierung hat die Assetklasse deutlich an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig mehren sich kritische Stimmen, die vor Überhitzungstendenzen, Intransparenz und potenziellen systemischen Risiken warnen.
Private Debt ist dabei kein homogener Markt. Die zentralen Segmente Corporate Direct Lending, Real Estate Debt und Infrastructure Debt folgen zwar einem gemeinsamen Prinzip: der Bereitstellung alternativer Kreditfinanzierungen außerhalb des klassischen Bankensektors. Sie unterscheiden sich jedoch deutlich hinsichtlich Struktur sowie Risiko- und Renditeprofil. Schon diese Heterogenität verbietet pauschale Bewertungen der Assetklasse und macht eine differenzierte, datenbasierte Einordnung unerlässlich. Mit dem erstmals veröffentlichten BF.Private Debt Market Compass liegt nun eine Analyse vor, die genau hier ansetzt.
Anders als viele bestehende Marktstudien basiert der BF.Private Debt Market Compass nicht auf der Perspektive von Investoren, sondern auf der Einschätzung von General Partnern. Diese identifizieren Transaktionen, strukturieren Kreditvereinbarungen und steuern Portfolios aktiv über den gesamten Lebenszyklus. Ihre Einschätzungen spiegeln damit nicht nur Kapitalallokationsentscheidungen wider, sondern die operative Realität des Marktes.
Positives Momentum für Private Debt
Grundlage ist eine Befragung von rund 200 Private-Debt-Managern, an der 67 General Partner teilgenommen haben. Die Ergebnisse zeigen ein insgesamt moderat positives Marktumfeld: Auf einer Skala von 0 bis 100 liegt der Sentiment-Index mit 60,1 Punkten klar über dem neutralen Referenzwert von 50. Getragen wird diese Entwicklung vor allem von einer robusten Fundraising-Dynamik, steigenden Kapitalzusagen institutioneller Investoren sowie ausgewogenen Risiko-Rendite-Profilen.

„Die Assetklasse Private Debt erfordert ausgeprägtes Sektor-Know-how, stringente Underwriting-Disziplin und aktives Portfolio-Management.“
Eugenio Sangermano Geschäftsführer, BF.capital GmbH, Stuttgart
Nach Einschätzung der befragten Teilnehmer haben sich die Finanzierungskonditionen im Private-Debt-Markt in den vergangenen sechs Monaten mehrheitlich als stabil erwiesen, bei leicht kreditnehmerfreundlichen Tendenzen. Für die kommenden Monate wird eine leichte Verschiebung des Marktgleichgewichts zugunsten der Kreditgeber erwartet. Auch die Verschuldungsniveaus bleiben über die zentralen Teilsegmente hinweg im unteren Bereich der marktüblichen Bandbreiten: Im Corporate Direct Lending liegt die Verschuldung überwiegend unter dem Fünffachen des EBITDA, während sich die Beleihungswerte im Real Estate Debt im Korridor von 56 bis 65 Prozent bewegen.
Besonders deutlich zeigt sich die positive Entwicklung im Fundraising: Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer berichten von einer steigenden Dynamik bei der Kapitaleinwerbung und 82 Prozent erwarten für die kommenden Monate weitere Verbesserungen. Parallel dazu nehmen auch die Kapitalzusagen institutioneller Investoren zu. Auffällig ist dabei der hohe Anteil sogenannter Re-ups, also Folgeinvestitionen bestehender Investoren. Insbesondere im Real Estate Debt berichten Befragte, dass ein Großteil der laufenden Kapitalzusagen von Bestandsinvestoren stammt.
Ein weiterer zentraler Befund der Studie betrifft die Kreditqualität: Diese zeigt sich insgesamt stabil. Der Anteil notleidender Kredite ist laut Befragung zuletzt weitgehend unverändert geblieben und auch für die kommenden Monate wird überwiegend Stabilität erwartet. Belastungen entstehen laut Panel dabei weniger durch strukturelle Faktoren wie übermäßige Verschuldung oder Refinanzierungsprobleme, sondern primär durch operative und sektorspezifische Entwicklungen. Unter Druck stehen bei der Unternehmensfinanzierung vor allem konsumenten- und einzelhandelsbezogene Bereiche, im Immobilienbereich insbesondere die Nutzungsarten Büro und Highstreet sowie im Infrastrukturbereich der Energiesektor. Diese Differenzierung deutet darauf hin, dass Risiken zunehmend selektiv und weniger marktbreit auftreten.
Berechtigte Kritik?
Trotz der insgesamt stabilen und moderat positiven Markteinschätzung wird das starke Wachstum von Private Debt zunehmend kritisch betrachtet. Im Zentrum der Diskussion stehen vor allem strukturelle Fragen, insbesondere mit Blick auf Transparenz, Bewertung und Liquidität. Auch regulatorisch rücken alternative Kreditgeber stärker in den Fokus, da sich Kreditrisiken zunehmend aus dem stark regulierten Bankensektor in fondsbasierte Strukturen verlagern. Insgesamt richtet sich die Kritik dabei weniger gegen das Instrument selbst als gegen die Geschwindigkeit des Wachstums und die Frage, ob Governance, Risikomanagement und Regulierung mit dieser Dynamik Schritt halten.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die diskutierten Risiken differenziert zu bewerten sind. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Boom von Private Debt eng mit der verschärften Regulierung des Bankensektors seit der Finanzkrise verbunden ist und reale Finanzierungslücken widerspiegelt. Anders als in früheren Krisenszenarien basiert das Marktwachstum damit primär auf realwirtschaftlichem Finanzierungsbedarf und nicht auf komplexen Verbriefungsstrukturen oder exzessiver Fristentransformation.
Hinzu kommt, dass die überwiegend langfristigen, geschlossenen Fondsstrukturen kurzfristige Liquiditätsrisiken erheblich begrenzen, da das Kapital über mehrere Jahre gebunden ist. Auch der Vorwurf mangelnder Transparenz greift nur bedingt, da regulatorische Anforderungen und Reporting-Pflichten in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet wurden. Die Investoren erhalten somit umfassende Einblicke in Struktur, Besicherung und Performance der Portfolios.
Die entscheidende Risikodimension liegt daher weniger in einer strukturellen Systemgefahr als vielmehr in der Heterogenität der Managerqualität. Denn die Assetklasse erfordert ausgeprägtes Sektor-Know-how, stringente Underwriting-Disziplin und aktives Portfolio-Management. Unterschiede hierin können sich maßgeblich auf Risikoprofil und Anlageerfolg auswirken. Für Investoren kommt es damit vor allem auf die gezielte Auswahl von Managern und Strategien an. Im Fokus steht, wie belastbar Bewertungs- und Reportingstrukturen im Einzelfall ausgestaltet sind, wie konsequent Risiken gesteuert werden und wie gut Strategie, Liquiditätsarchitektur und Risikoprofil aufeinander abgestimmt sind.
Autoren: Eugenio Sangermano, Geschäftsführer, BF.capital GmbH, Stuttgart und Prof. Dr. Michael Flad, Hochschule Esslingen Titelbild: Silvan Schuppisser auf Unsplash

